Der Wald war ein schöner Ort, nur leider sah sie selten mal ein Tier. Hasen hoppelten des Öfteren herum, manchmal auch ein Reh. Füchse bekam sie nie zu Gesicht, doch vor denen hatte sie auch Angst, denn einige waren angeblich tollwütig.
Ihr Traum war es, einmal einen richtigen Bären zu treffen.
Auf der anderen Seite des schmalen Waldweges war Wiese, und ihre Oma und ihr Opa hatten dort ein niedliches Häuschen stehen. Ziemlich winzig, das Dach ging auf beiden Seiten bis auf den Boden. Rechts nebenan war ein kleiner Anbau. Links waren der Garten, eine Feuerstelle, Sandkasten und ein Stückchen weiter hinten der Teich. Man konnte komplett um ihn herum laufen, und ein kleiner Steg war auch da. An einer Stelle standen dichte, dunkelgrüne Tannenbäume, und kleine Pfifferlinge wuchsen aus dem Boden. Ein Stück des Ufers ragte ganz weit über die Hälfte in den Teich hinein, als ob die Erde zwei Teile aus ihm machen wollte. Es thronte eine wunderschöne Trauerweide darauf, und viele Seerosen schwammen im trüben Wasser. Dort wo der Steg war, begannen sich kleine Kaulquappen zu entwickeln. Durchsichtige, runde Glibberkugeln mit schwarzen Pünktchen innen drin. Später, als sie schon geschlüpft waren, fing sie die wirren Zappelwesen ein und passte auf sie auf wie auf einen kostbaren Schatz. Dann durften sie aber immer alle wieder in den Teich zurück.
Einmal fing sie sogar einen kleinen Frosch, der war so groß wie zwei ihrer kleinen Kinderfinger. Sie ließ ihn in einem Eimer schwimmen und streute Brotkrümel rein, falls er Hunger hatte. Am Abend bewegte er sich nicht mehr – und von da an ließ sie Wassertiere Wassertiere sein und dort bleiben, begnügte sich stattdessen damit Fische oder Enten im Park zu füttern.
Sie versuchte, in jedem Tier eine Persönlichkeit zu sehen, versuchte herauszufinden, was sie dachten und mit ihr redeten.
Unter der Woche ging sie in den Kindergarten. Meistens blieb sie bis nachmittags, malte, spielte mit Knete oder las Bücher. Viele spielten „Vater, Mutter, Kind“, aber das mochte sie nicht so sehr. Familie spielen fand sie doof. Vor allem, weil sie gar keine richtige Familie hatte. Sie wusste gar nicht wie das war – und deshalb auch nicht, wie man so etwas spielt. Ihre Mama musste viel arbeiten, damit es den beiden gut ging, brachte sie immer schon ganz früh in den Kindergarten, und meistens wurde sie von ihrer Oma abgeholt. Später, in der ersten Klasse, stellte sie der Kleinen immer den Wecker, wenn sie später zum Unterricht musste, damit sie auch wusste, wann sie los in die Schule musste. Sie konnte schon früh Kaffee kochen und Wäsche aufhängen, und durfte niemandem die Tür aufmachen, wenn sie alleine zu Hause war. Daran hielt sie sich auch, versteckte sich immer, wenn es klingelte und spähte nach einer Weile vorsichtig aus dem Fenster.