Auf nackten Füßen tapst sie über den von der Sonne gewärmten Boden. Sie hat es nicht wirklich eilig und fühlt jeden einzelnen Erdkrümel. Es kitzelt ein bisschen, und sie genießt es einfach: diese leichte Massage und das Gefühl der Verbundenheit mit der Welt. Die Ruhe.
Nur einige Vögel gleiten am Himmel entlang. Ein leichter Wind weht durch ihre Haare, und das Kleidchen flattert an ihren Beinen.
Es ist der vierte Sommer, den sie erlebt. Und sie liebt den Sommer. Sie liebt die vielen Farben der unterschiedlichen Blumen, sie liebt die Schmetterlinge, sie liebt die Wärme und das Plantschen im Wasser. Und, sie liebt die Vögel, ihr Zwitschern und lautloses
Flügelschlagen am Himmel. So friedlich sind sie, so leicht und flink.
Manchmal fliegt sie auch mit den Vögeln. Immer dann, wenn es für sie auf der Erde zu gefährlich wird. Dann kann sie aus ihrem Körper steigen und in der Luft schweben. Dann kann sie genauso fliegen – nur nicht so frei, wie die Vögel es tun. Sie ist trotzdem immer gefangen dabei.
Im Winter feiert sie ihren fünften Geburtstag, ein kleiner Schütze. Sie hat ein hübsches Puppengesicht, dunkelbraune Haare, große blaue Augen und eine kleine Stupsnase. Manchmal scheint sie sehr abwesend, so dass man meinen könnte, sie sei wirklich eine Puppe. An anderen Tagen ist ihr Lachen so fröhlich wie die Bewegungen eines Schmetterlings, der durch die bunten Sommerwiesen tanzt.
Die Wohnung, in der sie lebt, ist nicht sehr geräumig, doch sie hat von ihrer Mama das größte Zimmer bekommen.
Ihr Papa wohnt woanders, doch sie besucht ihn ab und zu.
Ihr Papa ist derjenige, der sie immer hoch zu den Vögeln schickt.
Wenn sie bei ihm ist, taucht sie oft ab aus dem Jetzt. Flüchtet Richtung Himmel, um nicht fühlen zu müssen, was da unten mit dem Körper des kleinen Mädchens passiert. Um nicht erleben zu müssen, wie grausam Menschen sein können.
Am liebsten spielt das kleine Mädchen mit Lego oder kleinen Kunststoff-Pferdchen, manche von ihnen duften nach Vanille oder Erdbeere. Eins kann sogar tanzen.
Bei ihrer Oma im Wald schlüpft sie oft in die Rolle eines Streuners, genießt die Zeitlosigkeit und sieht den Wald als ihr Zuhause. Wenn zufällig mal ein Auto den kleinen Weg entlang fährt, dann versteckt sie sich. Rennt manchmal mit genügend Abstand hinter dem Fahrzeug her – so, als ob es dort etwas Aufregendes zu beobachten gäbe. Sie liebt den Wald, nur der Steinbruch in der Nähe ist ihr noch etwas unheimlich. Jemand hat einmal erzählt, da wohne eine seltsame Gestalt drin, die kleine Kinder gefangen nimmt. Es soll ein winziges Wesen sein und in Form einer Kugel aus der Wand rauskullern. Doch sie hat es nie gesehen, weder aus der Ferne noch von ganz nah. Und auch als sie die Steinwand einmal berührte, geschah nichts. Es war wohl eine ausgedachte Geschichte. Oder vielleicht fand dieses Etwas es auch viel schöner, sie zu beobachten, wie sie durch die Blätter läuft und sich gedanklich einen kleinen Unterschlupf aus den herumliegenden Ästen baut.